Der Balgacher Alexander Frei – bekannt als Crimer – erhält den diesjährigen Rheintaler Kulturpreis «Goldiga Törgga». Annika Zehnder
05.11.2026 08:00
«Es ist doch das Schönste auf dem Dancefloor ein paar Tränen vergiessen zu können»
Der Rheintaler Musiker Alexander Frei - bekannt unter dem Künstlernamen «CRIMER» - wird diese Woche mit dem Rheintaler Kulturpreis «Goldiga Törgga» ausgezeichnet. Es ist nicht sein erster Preis, jedoch ein besonderer.
Balgach/Heerbrugg Morgen, Freitag, 6. November wird der Rheintaler Kulturpreis verliehen. Preisträger des diesjährigen «Goldiga Törgga» wird der 36-jährige Alexander Frei. Seine musikalische Laufbahn begann beim Kirchenchor in Widnau, führte ihn zu Preisen wie dem Swiss Music Award und nun folgt der Preis aus der Heimat.
Du bist in Balgach aufgewachsen, wohnst mittlerweile in Zürich. Ist es ein einfacheres Terrain, um Musik zu machen?
Ich lebe seit dem Start meines Studiums, etwa seit 2011 in Zürich. Im Vergleich ist kulturell in Zürich mehr los als im Rheintal. Mit meiner Rheintaler Band hatte ich erste Auftritte im Untergeschoss im Jugendkulturhaus Dynamo. Für mich war es riesig, als wir diesen Sprung als Band schafften. Auftritte in St. Gallen schafft man noch schneller, ein Züri-Gig war dann doch sehr speziell. Hier im Rheintal hatten wir nicht viele Auftrittsmöglichkeiten. Musik zu machen und irgendwo stattzufinden ist allgemein schwierig, egal wo. Wenn man heute mit den Möglichkeiten von vor zehn Jahren vergleicht, ist es nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt herausfordernder geworden.
Weshalb?
Es gibt immer weniger kleine Orte, wo kleine Bands stattfinden können. Vor allem nicht, wenn es noch nicht darum geht, dass alle nach dem Auftritt mit einem Plus in der Hosentasche das Lokal verlassen. Ich finde es krass, dass es junge Bands heutzutage noch viel schwieriger haben und auch Lokalitäten sich den Auftritt nicht leisten können. Ich bin froh, hat das alles bei mir 10 Jahre früher angefangen.
Was war damals noch anders?
Wir hatten noch die Möglichkeiten wie zum Beispiel die Tankstellbar oder das Rümpeltum in St. Gallen. In diesen Locations sah der Raum mit 50 Leuten bereits schon gut gefüllt aus. Genau solche kleinen Institutionen sollten gefördert werden. Weniger für das Opernhaus, denn wer hört am Morgen im Bus schon was von Bach? (lacht) Was mich doch schon fast geschüttelt hat, war, als ich in einem Artikel gelesen habe, dass in der Stadt Zürich etwa 95 Prozent der Gelder an die Klassik vergeben werden. Ich gehe zwar schon fast auf die 40 zu, jedoch habe ich sehr weniger Menschen in meinem Umfeld, die klassische Musik hören. Nicht, dass es das nicht auch braucht oder es nicht wert wäre, zu fördern. Jedoch denke ich, was die Popkultur oder die kontemporäre Musik hergibt, ist immens. Wie viele Menschen gehen an Festivals? Es gibt dem Menschen sehr viel zurück. Man könnte sich gar nicht vorstellen, wenn es Festivals nicht mehr geben würde. Ich finde es krass, dass sich das dann nicht widerspiegelt. Da müsste politisch definitiv etwas gemacht werden. Nur hat die Popmusik eine relativ schwache Lobby.
Wie hat es sich bei dir verändert?
Wenn man weniger Möglichkeiten hat, gehen die Leute auch weniger an Konzerte. Ich merke auch bei uns, es wird immer schwieriger, Konzerttickets loszuwerden. Besonders seit Corona hat es sich stark verändert. Die Leute bleiben lieber zuhause, machen es sich bequem. Das Zuhause hat sich zur Konkurrenz von Konzerten entwickelt. Aber ich habe zum Glück eine starke Fanbase, die immer wieder an meine Konzerte kommt, das schätze ich sehr.
Du hast deinen Start vor zehn Jahren erwähnt.
Ich habe hier im Rheintal bandtechnisch in einer Schülerband gestartet. Jemand hat mir vom Quartett erzählt, das noch einen Sänger gesucht hat. Ich schaute mal rein und dachte mir: Das ist genau das, was ich mir vorstelle. Wir konnten selbst Lieder einbringen, die man mochte, aber wir spielten auch Klassiker wie «Jonny be good» oder «Born to be wild». Dann haben wir unsere ersten Auftritte beispielsweise vor der Coop-Filiale in Heerbrugg oder im Carini-Saal in Lustenau gespielt. Mit dieser Band hatten wir sogar einen ersten Gig am Szene Openair in Lustenau gegeben. Der Slot war zwar mittags um 12 Uhr, aber für uns war das ein riesen Ding.
Das klingt nach einer harmonischen Sache.
Ja. Wir haben zudem gemeinsam Songs geschrieben. Nach meinem Austauschjahr in England kam ich mit 18 Jahren zurück und der Musikgeschmack unserer Bandmitglieder hatte sich in verschiedene Richtungen entwickelt. So passte die Band nicht mehr zusammen und ich gründete eine Band mit meinen besten Freunden. Wir spielten in der Habsburg und nahmen am Bandwettbewerb BandXost teil. Bei unseren Bandnamen haben wir uns jeweils aber nicht so eine grosse Mühe gemacht, wie bei unseren Kostümen. Auf der einen Seite haben wir Abende damit verbracht, kleine Lichter an unsere T-Shirts zu nähen. Andererseits hiessen wir mal «BrefSunAjax» (lacht) Damals reihten einfach die Namen von Putzmitteln aneinander...
War die Band erfolgreich?
Wir kamen zwar ins Finale des BandXosts, waren aber dann bitter enttäuscht, als wir nicht unter die besten drei Acts gewählt wurden. Wir haben unsere Enttäuschung damals gezeigt, waren richtig traurig und konnten die Entscheidung nicht verstehen. Die Teilnahme am Wettbewerb führte jedoch doch noch zu unserem ersten Züri-Gig in einer Konzertreihe eines St. Gallers. Als in Zürich mit dem Studium startete, wurden die Proben und im Rheintal jedoch zum Organisationsakt und die Band löste sich schlussendlich auf.
Dann ging es in Zürich weiter?
Ja. Ich habe zwar vorher schon selber Songs geschrieben, dadurch dass ich in Zürich jedoch nicht wirklich jemanden kannte, hat sich dann ein Soloprojekt daraus entwickelt. Meinen ersten Auftritt hatte ich dann am Lauter Festival in Zürich. Damals bin ich für jemanden eingesprungen. Alleine hab ich mich zwar noch nicht getraut, jedoch hat mich dann meine damalige Mitbewohnerin Mimi auf den Drumpads begleitet. Da das Konzertplakat gedruckt wurde, fragte mich mein Freund, der mich für den Auftritt angefragt hatt, mit welchem Namen er mich darauf aufführen solle. So entstand mein erster Auftritt unter dem Künstlernamen «Batman», da er «Alexander Frei» zu öde fand. Der Auftritt war dann der Startschuss meines Soloprojekts. Noch immer mache ich gerne Musik und teile sie gerne mit Menschen.
Spielst du heute noch oft solo?
Nein, heute spiele ich eher selten solo. Wenn ich jedoch mal wieder solo auftrete, bekomme ich immer wieder Flashbacks von der Zeit, in der ich nichts zu verlieren hatte. Ich spielte in jedem Keller und verrenke mich mit meinen komischen Tanzbewegungen. Das war eine schöne Erinnerung. Trotzdem möchte ich es nicht missen, mit meiner Crew aufzutreten. Dabei muss ich mich nicht auf alles konzentrieren und es ist ein schönes Zusammenspiel, auch fürs Auge. Dann müssen sie nicht immer nur mich anschauen (lacht).
Andere Künstler hätten eher Probleme damit, alleine auf der Bühne zu stehen, nicht weil das Publikum nur sie anschauen muss.
Auf der Bühne ist man irgendwann einfach in einem Charakter drin. Man schlüpft in eine Entertainerrolle. Ich fände es jetzt viel merkwürdiger, wenn ich hier am Tisch während des Interviews etwas vorspielen müsste, wie in dieser Rolle, für die ich bei einem Konzert gebucht wurde.
Dann passiert es dir nicht häufig, dass jemand dich spontan zum Singen auffordert, wenn du sagst, dass du Musik machst?
Das kommt bei mir tatsächlich wirklich selten vor.
Du hattest deine musikalischen Anfänge im Kirchenchor, dann ging es in Bands weiter. Was würdest du deinem jüngeren Ich raten, wenn du nochmals zurück in die Vergangenheit reisen könntest?
Den Kirchenchor stellen sich viele falsch vor. Wir haben dort unter anderem Songs von den Red Hot Chili Peppers oder Robbie Williams gespielt. Zu meinen musikalischen Anfängen: Ich finde, ich habe früher automatisch viele Sachen schon richtig gemacht, wenn man etwas anfängt, kennt man es noch nicht, man ist blauäugig unterwegs. Die Musik ist ein Business, in dem es wichtig ist, sich mit andern Leuten zu connecten. Als ich meinen ersten Labelvertrag unterschrieben habe, dachte ich mir nur krass, jemand will mit mir zusammenarbeiten. Den Ratschlag, den ich mir selbst in dieser Zeit geben würde, ist: Versuch nicht, das alles selbst durchzuboxen. Hol dir Ratschläge und habe keine Angst, andere nach Rat zu fragen.
In deinen Texten ging es bisher unter anderem um Selbstzweifel, Beziehungsprobleme und persönliche Krisen. Haben sich deine Texte verändert, seit du Vater geworden bist?
Nein. (lacht) Ich wünschte, es wäre so. Selbstfindung als ewiger Prozess... Immer wieder andere Baustellen, an denen man arbeitet. Ich bin keiner, der das Familienglück «besingt», ich lebe das lieber aus. Meine Musik war schon immer melancholisch angehaucht. Es ist die Art von Musik, die mich berührt. Ausserdem finde ich, dass melancholische Musik auch euphorisch und bestärkend sein kann. Man fühlt mit, kann sich damit identifizieren. Auch ich versuche das mit meiner Musik.
Deine Musik geht ja eher in die melancholische Richtung, ist jedoch von den Beats her recht tanzbar.
Es ist doch das Schönste auf dem Dancefloor ein paar Tränen vergiessen zu können. Für mich geht das Hand in Hand. Nur weil es melancholisch ist, muss die Musik nicht immer gleich schwer sein. Doch auch ruhigere Phasen dürfen sein. Besonders früher dachte ich, ich müsste die ganze Zeit Party auf der Bühne machen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass man auch während des Konzerts ein paar Minuten zum Durchatmen braucht. Man muss nicht immer den Hampelmann machen. Damit kann man in diesem Moment etwas noch Emotionaleres darbieten.
Man hat dann wahrscheinlich oft den Anspruch an sich selbst, jetzt muss ich die Leute unterhalten, sie haben ja ein Ticket bezahlt...
Das ist so. Jedoch haben die Leute sehr viele verschiedene Arten, wie sie ein Konzert geniessen. Die einen stehen da, tauchen in die Musik ein, die anderen Tanzen zu deiner
Musik. Dann kommt es auch sehr auf den Zeitpunkt des Konzertes an. Um 12 Uhr mittags ist es natürlich viel schwieriger Leute zum Tanzen zu animieren. Man darf sich aber auch nicht zu sehr von der Stimmung im Publikum leiten lassen. Mittlerweile versuche ich aber auch immer mehr, den Moment des Konzertes selbst zu geniessen. Ich bin selbst nicht gerne an Konzerten, an denen ich permanent motiviert angeschrien werde. Die Leute sind schliesslich nicht deine Marionetten, sie sind einfach da, um dein Konzert zu geniessen. Ich versuche, die Leute an die Hand zu nehmen, und wenn sie sich mit mir verlieren möchten, dann ist es umso schöner.
2017 gelang dir mit «Brotherlove» der Durchbruch. Was denkst du darüber, dass das bald schon wieder 10 Jahre her ist?
Es ist krass. Wirklich völlig jenseits. Den Song spiele ich immer und immer wieder gern. Ich für mich habe nie gesehen, wieso dieser Song bei den Menschen so viel ausgelöst hat. Ich habe es jedoch schon früh gespürt. Es ist auch immer wieder schön, wie die Leute «Brotherlove» wieder entdecken. Mir kommt es auch nicht so vor, als wäre es bereits 10 Jahre her. Ich könnte den Song auch jetzt noch rausbringen. Ich finde nicht, dass sich Crimer so verändert hat, dass der Song nun so fern von mir wäre. Das bestärkt mich darin, dass ich damals etwas gemacht habe, das ich cool gefunden habe und auch heute noch cool finde. Ich finde nämlich nicht jedes Lied, das ich mal gespielt habe, immernoch gleich prickelnd.
Was denkst du über die Zeit damals?
Viele Leute dachten damals, Crimer sei ein «Marketingkonstrukt». Man nehme einen Tropfen 80s, einen Tropfen 90er Jahre, einen Mittelscheitel plus fancy Clips. Heutzutage nennt man das Industry Plant. Es war jedoch meine Idee, mich so anzuziehen und solche Musik zu machen. Es ist krass, dass sich manche Leute so schnell eine Meinung über dich bilden. Dieses 80s-Korsett ist aber natürlich auch etwas, das an mir haftet. Ja ich bediene mich an den Elementen im Sound, dem Drama, Glanz und Glamour oder dem lustig aussehen. Für viele in der Schweiz bin ich einfach der 80s Act. Das bringt natürlich die Gefahr mit sich, dass man in eine Ecke abrutscht. Ich fühle mich jedoch wohl in dieser Welt. Mir ist es wichtig, Musik zu machen, und dass es authentisch bleibt. Ich müsste mich recht verbiegen, um beispielsweise Volksmusik zu machen.
Du erhältst nun den Rheintaler Kulturpreis. Was bedeutet dir diese Auszeichnung ausgerechnet aus deiner Heimatregion?
Es ist ein mega schönes Zeichen und bestärkt mein musikalisches Schaffen. Man weiss vielfach nicht, wie man in der Heimat wahrgenommen wird. Deshalb ist es eine wirklich schöne Anerkennung, den Rheintaler Kulturpreis zu erhalten. Am 6. November wird deshalb schon ein bisschen auf den Putz gehauen. (lacht)
Von Manuela Müller